Sonntag, 14. September 2008

Meine erste Letterbox

Frau auf Geschäftsreise und meine drei Söhne aushäusig – DIE Gelegenheit, meine erste Box zu heben. Ich habe auch schon in der mir eigenen grenzeuphorischen Art allen möglichen Leuten erzählt, dass ich an diesem Samstag meine erste Letterbox heben werde. „Letterbox? Is’n dat?“ - schlechte Frage - jetzt habe ich quasi die Berechtigung, einen etwa einstündigen Vortrag über Ideen, Techniken, Variationen und Verfahren des Letterboxing zu halten. Dabei werden Abgrenzungen und Unterschiede zum Geocaching eingearbeitet und physikalische Grundlagen der Kartenkunde, der Satellitennavigation sowie der Struktur und der Herkunft des Universums nicht außer Acht gelassen. Die normalen und somit vorhersehbaren Reaktionen des inzwischen unfreiwilligen Auditoriums sind echte oder vorgetäuschte Ohnmachtsanfälle, ruckartiges Verlassen der Szene oder in besonders schlimmen Fällen auch mal der eine oder andre Selbstmordversuch. Hättense halt nicht fragen sollen…

Prozentual eher verschwindend geringe Anteile der Zuhörer haben echtes Interesse beziehungsweise heucheln glaubwürdig ein solches - denen lasse ich dann meine persönliche Sicht des Letterboxings angedeihen - so etwa weitere zwanzig Minuten. Wer echte Freunde will, muss sie durch ein enges Sieb des Leidens von der Spreu der Heuchler trennen. Bisher ist bei dem von mir sorgfältig angewandten Letterboxing-Sieb leider unten noch nix herausgekommen.

Wie dem auch sei, ich habe meinen kleinen Rucksack gepackt mit Regenjacke – siehe weiter unten – Ersatzsocken und -t-shirt (geht das grammatisch eigentlich mit den Bindestrichen?) sowie den Standardutensilien: Kuli, Stempelkissen, Stempel (bisher zwei, aber ich bin noch nicht zufrieden und plane bereits den dritten), Logbüchlein, Leatherman, Digicam und mein kleines Gorillapod-Stativ.

Gorillapod ist ein Stativ für kleinere Kameras – (gibt es jetzt wohl auch für größere), deren Beine aus lauter Kugeln bestehen, die durch einen dem normalen Verstand unzugänglichen Mechanismus miteinander verbunden sind. Damit sieht es irgendwie aus wie die Arme von Robbi the Robot aus Forbidden Planet. Der Effekt ist, die drei Beinchen sind total flexibel. Man kann sie um Äste wickeln, an Brückengeländern anbringen oder einfach nur damit spielen. Der soziale Effekt besteht vorwiegend aus der an Anbetung grenzenden Bewunderung der Zuschauer. Gerne hört man Wortfetzen wie „… Profi …“, „… kennt sich aus …“, „… kriegt man nicht überall…“ (Muaahahaha – jeder 08-15 Elektronikmarkt hat die Dinger inzwischen) und „… hätt‘ ich auch gern …“. Nur am Rande erwähne ich , dass ich dem neidvollen Betrachter gerne einen kurzen Vortrag über das Gerät, Fotografie im Allgemeinen, meine Digicam (ist nun wirklich nix Besonderes) sowie den Ursprung des Universums halte – was nicht selten zu den oben bereits geschilderten Effekten führt.

sowie weiterer wichtiger Dinge, die mein zweifellos gefährdetes Überleben in der unwegsamen Wildnis eines ausgeschilderten und vom örtlichen Wanderverein in bestem Zustand gehaltenen Wanderpfades sichern.

Leider ist das Wetter suboptimal – es nieselt. Also brauche ich einen Grund, nicht gehen zu müssen – einen guten Grund, da ich ja im Vorfeld unvorsichtigerweise mordsmäßig auf die Sahne gekloppt habe von wegen „am Samstag geht’s los“. Da ein halbe Stunde Regentanz weder zu Sturzregen noch zum Verschwinden der Wolken führt, fahre ich los. Geschickt baue ich auf Verzögerungstaktik – vielleicht dauert es ja etwas bis die Wirkung des Regentanzes einsetzt. Vorher muss ich sowieso noch was zum Schneider in der nächsten Stadt bringen, was eine weitere Stunde (Parkplatzsuche und so) kostet. Immer noch Nieselregen. Essen muss man ja auch – also nix wie rein in die nächste Dönerbude – 30 Minuten – immer noch Nieselregen. Ich denke, ich gehe noch kurz ins nächste Buchgeschäft und erkundige mich beim Fachpersonal nach einer topografischen Karte. Haben die – an der Kasse stelle ich fest, dass ich kein Bares mehr habe. Mit der EuroCard kann ich schon lange nicht mehr bezahlen weil diese mehrfache Falscheingaben der PIN gespeichert hat und ich zu faul bin, die Bank zu bitten, den Eintrag zu löschen. Also muss ich zur nächsten Bank, um am Kassenautomat Bargeld zu holen .- so ein Ärger aber auch. Noch ne halbe Stunde – immer noch Nieselregen. Zurück zum Buchladen, Karte bezahlen und ab zum Parkhaus. Da fällt mir ein – wer eine Karte hat, braucht einen Planzeiger.

Ein Planzeiger ist wie nahezu jeder weiß (was mich jedoch nicht davon abhält hier noch einige längliche Erklärungen abzugeben) ein durchsichtiges Stück Plastik, auf dem in äußerst verwirrender Art und Weise Linien, Winkel und sonstige Hieroglyphen eingedruckt sind. Diese dienen angeblich dazu, die Entfernungen, Richtungen und Steigungen, die verschlüsselt auf einer topographischen Karte abgedruckt sind, lesen zu können. Man legt also den Planzeiger auf die Karte und kann blitzschnell ablesen, dass man sich beim Rechtswert 23 und Hochwert 45 befindet, vorausgesetzt, man kann mit Begriffen wie UTM-Gitter, geographische Koordinaten, geodätisches hyperparabolisches Projektsjonsgitter und quantenphysikalische Fernwirkungen der Mercatorprojektion auf Higgs-Bosonen umgehen – also irgendwie ganz einfach. Jedenfalls hilft mir der Rechts- beziehungsweise Hochwert nicht so viel, wenn ich nur wissen will, ob das Wasser da vorne die Ostsee, der Niederkletschebembacher Mühlenteich oder das Meer der Stürme ist. Aber Auf jeden Fall - ein Planzeiger muss einfach sein - es ist für den Letterboxer das, was für den Trucker das Schild mit dem Aufdruck „Manni“ ist (manchmal auch „Günni“).

Also zurück zum Buchgeschäft – Planzeiger hamse, kostet sechs Euronen. Immer noch Nieselregen. Nieselregen kann ich als Entschuldigung nicht bringen und der Wolkenbruch kommt einfach nicht. Noch ein paar rituelle Schritte, um den Regengott vielleicht doch noch zu motivieren – die Leute in der Fußgängerzone schauen befremdet – der eine oder andere greift zum Handy – bloß weg hier.

Jetzt hilft nix mehr, auf zum Parkplatz vor Bad Irgendwas, wo die Suche beginnt. Dreißig Minuten später ziehe ich umständlich aber irgendwie professionell erscheinend meine Wanderschuhe an. Aus einem ebenfalls auf dem Parkplatz befindlichen Lieferwagen – eins dieser Dinger, die einem auf der Autobahn bei Tempo 195 hinten an der Stoßstang kleben - beäugt mich misstrauisch ein müde aussehender Fahrer, dessen öder Alltag zweifelsfrei durch mein Erscheinen mit Aktion und Unterhaltung versüßt wird.

Natürlich ziehe ich die Schnürsenkel meiner Schuhe von oben über die obersten Haken und nicht etwa kreuzweise von unten – das machen nur blutige Anfänger und ich bin ja ein blutiger Fortgeschrittener, zumindest in der Theorie – ansonsten bin ich ja noch gar nicht geschritten, irgendwie. Das Schnürsenkelgeheimnis hat mir ein älteres be-„wandertes“ (gut, nicht?) Ehepaar unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitgeteilt. Uralte Weisheiten sozusagen. Dann drücken die Schuhe nämlich nicht oben am Spann – drücken sie eben unten am Spann oder sonstwo.

Auch mein Lederhut darf nicht fehlen. Den hat mir mein Sohn von seinem einjährigen Aufenthalt in Australien, den er wegen verschärften Heimwehs nach drei Wochen abgebrochen hat, mitgebracht. Bisher war der Hut deutlich zu klein aber das wird sich in den nächsten zwei Stunden ändern. Ein rotkariertes Flanellhemd, das ich lässig vorne offen über der Hose trage, rundet das Erscheinungsbild des erfahrenen Outdoor-Ninjas ab. Flanellhemden können übrigens beträchtliche Mengen an Feuchtigkeit speichern, die ihnen zum Beispiel durch Nieselregen zugeführt werden. Das führt dazu, dass das Empfinden von Kälte solange verzögert wird, bis die Lungenentzündung bereits zum Ausbruch gekommen ist. Bei mir war das bei der Rückfahrt im Auto einige Stunden später der Fall.

Es nieselt – sagte ich ja schon – wollte es nur noch einmal klarstellen.

Wat mutt dat mutt – das erste Rätsel wartet immerhin. Wie hoch über dem Meeresspiegel ist der Steg, auf dem ich den Fluss überquere? Kein Problem, steht auf dem sauberen und gut leserlichen Schild direkt am Steg. Sorgfältig notiere ich die Zahl auf dem Clue, den ich natürlich ausgedruckt mit mir trage – zusammengefaltet in meiner linken Gesäßtasche.

Dann stehen noch ein paar Zahlen auf einem Betonpfosten, es geht unter der Eisenbahnbrücke durch – alles easy – kein Rätsel, das mein messerscharfer Verstand nicht zu lösen in Lage wäre – dachte ich.

Der Clue C ist allerdings etwas schwierig und wird mir während nächsten Zeit im Magen liegen – nein, ich muss nicht irgendetwas unappetitliches verschlingen, um dann die Minuten zu zählen, bis ich mich übergebe – es wahr mehr metaphorisch gemeint, das mit dem Magen.

Auf einem alten Grenzstein am Wege soll angeblich etwas stehen wie „Ende der Gemarkung…“ oder so, und auf der südöstlichen Seite soll eine Zahl stehen, welche es zu notieren gilt.

Der halb verwitterte Klumpen, den ich scharfsinnig als Grenzstein identifiziere, zeigt tatsächlich mannigfaltige Einkerbungen, die wahrscheinlich künstlicher Art sind, ein Text lässt sich allerdings nicht erkennen. Auf der Seite, die ich mit meinem nagelneuen Kompass als die südöstliche erkenne, steht auch etwas. Hatte ich schon angemerkt, dass es nieselt? Der Effekt dieses meteorologischen Phänomens ist bekannterweise eine allgegenwärtige Nässe. Hinzu kommen weitere Erschwernisse: der Stein ist nur etwa zwanzig Zentimeter hoch – zumindest ist das der Teil, der aus dem nassen vergammelten Laub und den Hinterlassenschaften fleischfressender Vierbeiner (des Menschen bester Freund und so) herausragt. Weiterhin ist der Stein mit Flechten und Moos in einer Weise bedeckt, die eine Zahl nicht nur nicht eindeutig sondern überhaupt nicht erkennen lässt. Es könnte sich um 1890 oder 76 oder Pi oder irgendetwas anderes handeln. Die einzige Möglichkeit es genauer zu erkennen bestünde darin, sich (also mich) in den Modder zu werfen, um mit der Gravur auf gleicher Augenhöhe zu kommunizieren – ich nehme jedoch erstens davon Abstand und zweitens die Südostseite des Steins mit meiner Digicam unter Zuhilfenahme des Blitzes auf – das werden wir dann später auswerten. Aber irgendwie hat mich ein ungutes Gefühl beschlichen.

Der nächste Clue ist eine Holzbrücke, auf die der Suchende stoßen wird. Leider ist dieser Teil der Bundesrepublik offensichtlich das Mekka aller Holzbrückenbauer. Jeder, der dieses edle Handwerk erlernen will, muss in genau diesem Tal eine Holzbrücke gebaut haben und dies nachweisen. In den Jahrhunderte alten Annalen des Holzbrückenbaus (De contstructibus lignificatibus viaducti) aus dem elften Jahrhundert wird das Tal zum ersten Mal erwähnt, es gibt jedoch Hinweise in paläolithischen Höhlenzeichnungen aus dem mongolischen Altai, die auf dieses Tal im Zusammenhang mit Holzbrücken hinweisen – die Gelehrten streiten sich jedoch noch wegen einiger Details – insbesondere Jugendzeltlageplätze betreffend, die in dem Clue ebenfalls erwähnt werden.

In meiner pro-aktiven Hektik wende ich unter völliger Ausblendung jeglichen Denkvorgangs alle Regeln im Clue auf alle Brücken an, was zu nicht unbeträchtlichen Umwegen und Verzögerungen führt. Jedenfalls schaffe ich es nach dem Prinzip des Sherlock Holmes („Wenn man alles Falsche aussortiert, bleibt das Richtige übrig“) DEN Stein bei DER Hütte mit DEM Namen zu finden und DIE darauf eingemeißelte Jahreszahl eindeutig zu erkennen. Dabei sei gesagt, dass DER Stein etwa zweieinhalb Meter hoch ist und daher auch die hochbeinigsten Vertreter der vierbeinigen – Ihr wisst schon – nicht in der Lage waren, die Botschaft metabolisch zu vermummen. Außerdem waren die Ziffern der Jahreszahl tief eingekerbt, nicht von niederen Vertretern der lokalen Botanik infiltriert und auch für Sehbehinderte (meine Brille ist beschlagen weil es nieselt, hatte ich das schon angemerkt?) einfach zu erkennen.

Der weitere Weg ist von malerischer Schönheit – vom Nieselregen glitschige Steine und Wurzeln, die es zu überklettern gilt. Hin und wieder muss der Bach in halsbrecherischer Akrobatik überquert werden, wobei deutlich sichtbare aber rutschige Trittsteine versuchen, mich ins Verderben zu locken. Egal – jetzt hält mich nichts mehr auf. Inzwischen ist aus dem Nieselregen richtiger Regen geworden, was mich dazu veranlasst, meine noch helle Regenjacke aus dem Rucksack zu zerren, der mir dabei in die Pampe fällt. Die Regenjacke war die einzige, die ich zuhause noch gefunden habe weil meine Söhne die anderen Regenjacken verschleppt haben – der eine zum Drachenbootrennen in Straßburg – bei dem Wetter?? - und der andere zu einem Rockfestival à la Woodstock – nur mit mehr Matsch.

Das war der letzte Clue, bei dem Zahlen gesucht und erkannt werden müssen, jetzt werden Örtlichkeiten aufgestöbert, wobei die eben erwähnten Zahlen miteinander multipliziert und addiert, subtrahiert und quantenmechanischen Differentialgleichungen unterworfen werden. Die erste dieser Örtlichkeiten war simpel – latsche soweit, bis das Tal zu Ende ist – da ist dann eine Brücke und ein Pfosten mit ganz vielen Wegweisern. Mit der mir eigenen überragenden Intelligenz habe ich diese Wegmarkierung sofort erkannt.

Jetzt geht es ans Rechnen: gehe in die Mitte der Brücke und gehe in die Richtung (Kompass!), die sich ergibt, wenn Du die Höhe über Normalnull der Brücke – nein nicht die Holzbrücke - abzüglich der Quersumme der Zahlen auf dem Stein plus der Summe der Ziffern auf dem Pfahl durch weissichauchnichtmehrsogenau teilst.

Achja – es regnet und der Clue ist zusammengefaltet in meiner linken Gesäßtasche (ist nicht so ganz wichtig, aber ich wollte es nicht unerwähnt gelassen haben). Wenn ich den Clue rausnehme und entfalte, wird er nass. Hm – also krabble ich mangels alternativer Schutzmöglichkeiten unter die Brücke, um im Trockenen zu bleiben. Leider ist die Brücke aus Planken gebaut, die vermittels Zwischenräumen dem Regen gestatten, hindurch zu tröpfeln. Durch eine perfide Anomalie der Schwerkraft tröpfelt alles Wasser auf meine Zettel oder auf die Digicam, auf der sich das Bild des bereits erwähnten Grenzsteins befindet. Das brauche ich ja, um die Zahl C abzulesen. Dank der blitzgescheiten Anwendung des Blitzgerätes engt sich die Vielfalt der möglichen Zahlen von „1890 oder 76 oder Pi oder irgendetwas anderes“ ein auf 1890 oder 76 oder irgendetwas anderes – Pi ist es definitiv nicht, zumindest wahrscheinlich vielleicht. Ich verlasse also den Schutz (Schutz – ha!) der Brücke und nehme den Regen in Kauf – der hat übrigens inzwischen aufgehört. Die Atmosphäre in der Regenjacke entspricht den klimatischen Bedingungen auf der Venus – giftige Gase unter hoher Temperatur und sehr feucht. Bin aber zu faul, sie wieder auszuziehen und in den Rucksack zurück zu stopfen – außerdem glaube ich dem Wettergott nicht – der hat mich heute schon öfters veräppelt. Ich meine gar, ich höre sein widerwärtiges Kichern…

Richtung laut Kompass kein Problem – der Siegesrauch beginnt mich zu übermannen - bis ich merke, dass es ab jetzt steil bergauf geht. Naja – habe ich nicht dem Nieselregen getrotzt, bin ich nicht leichtfüßig mehrmals von Stein zu Stein über den Bach gehüpft, kenne ich nicht alle Holzbrücken des Universums? Aber muss man sich denn gleich anstrengen müssen?

Jetzt trifft mich der Fluch des Grenzsteins mit voller Wucht. Die Entfernung, die ich zurücklegen muss, um den Einstieg in die letzte Phase der Entdeckungsreise zu finden („… dann wirst Du einen Felsbrocken sehen, neben dem ein Weg bergab geht..“ oder so) ist abhängig von dieser verfluchten Zahl auf dem Grenzstein. Der Weg zeichnet sich natürlich durch zahlreiche Felsbrocken aus, die rechnerische Schrittzahl variiert von 23 bis 498 je nach Interpretation der Grenzsteinzahl – wo muss ich abbiegen?

Nach dem Holzbrückenprinzip (Patent angemeldet) untersuche ich jeden Felsbrocken zwischen Kieselstein- und Monolithgröße auf etwaig abzweigende Pfade – und werde fündig. Ein kleiner Trampelpfad zweigt ins unwegsame Gelände ab. Laut Clue trifft man auf einen Stein in einer bestimmten geometrischen Form (sagen wir mal in Form eines Ikosaeders oder eines Pentagondodekaeders – naja nicht ganz so schwierig). Der Placer (das ist der Sadist, der die Box versteckt hat), hat aber hier ein Foto mit in den Clue gestellt – sonst hätte ich keine Chance. Ich finde also tatsächlich diesen Stein in Form eines Hypertorus oder was auch immer und muss nun wieder in Richtung des Ergebnisses der Berechnung…minus…geteilt durch… gehen, dann treffe ich auf drei weitere Steine.

DREI STEINE?? Das ist jetzt wirklich bösartig. Dieser ganze verdammte. Wald ist voll von Steinen. Große Steine, riesige Steine, kleine Steine, winzige Steine, Steine in Form von fast allem, was sich ein aztekischer Schamane im Peyotl-Rausch vorstellen könnte. Drei Steine – ich komme mir vor wie Indiana Jones auf der Suche nach dem Stempel des Todes – naja der Hut – das tät‘ schon passen, aber das Wortspiel ist klasse, nicht?

Nachdem ich zumindest die Richtung richtig bestimmt habe – der Grenzstein-Wert war dafür gottseidank nicht nötig – kraxle ich in halsbrecherischer Manier in die angegebene Richtung. Nach ein paar Metern liegen wirklich drei Steine rum. Nicht dass die besonders spektakulär ausgesehen hätten aber ich habe sie erkannt. Sie flüsterten zu mir „Hier sind wir. Erlöse uns, schaff‘ uns diese bescheuerte Plastikdose vom Hals.“ – nicht dass ich wüsste, wo bei einem Stein der Hals ist aber der Clue sagt „… unter dem dritten, der mit Moos getarnt ist, findest Du die Box.“. MIT MOOS GETARNT? Hier ist alles mir Moos getarnt, insbesondere Steine, ganz zu schweigen von meiner ehemals hellen Regenjacke. Also heißt es spähen und buddeln, was der Farbe meiner Regenjacke ungeahnte Nuancen hinzufügt. Unter dem dritten Stein (achja – welcher von drei Steinen ist der Dritte?) finde ich die ersehnte Tupperdose.

Ein Gefühl als hätte mich Angebetete nach Jahrzehnten endlich erhört – nur von viel tieferer Reinheit – durchströmt mich. Die Box ist mein, ich habe sie gefunden, in der Wildnis, ganz alleine. Tom Sawyers und Huckleberry Finns Gefühle als sie den Schatz des Indianer Joe in der Höhle fanden, können nicht verglichen werden mit der Euphorie, die über mir zusammenschlägt. Mit zitternden Händen berge ich die Plastikschachtel und öffne die Verschlüsse. Sorgfältig in Gefrierbeuteln verpackt jubeln mich ein Stempel und ein Büchlein an.

Ich packe beides und auch meinen eigenen Stempel und mein eigenes noch jungfräuliches Logbüchlein aus. Hatte ich erwähnt, dass der Nieselregen wieder angefangen hat? Voller Besorgnis, dass das Logbuch der Box nass werden könnte, habe ich kaum Zeit, mir alles anzusehen. Was ich jedoch erkenne ist, dass ich der Zweite bin, der diese Box gefunden hat – also fast eine doppelte Jungfernfahrt – um das Entjungferung zu vermeiden.

Ich stemple hier und stemple dort, tanze ein paar rituelle Schritte, werfe einige Jungfrauen in einen Vulkan und zelebriere Blutsbrüderschaft mit dem Dornengestrüpp, weil Winnetou heute zu seinem Makramee-Workshop musste und deshalb nicht zur Verfügung stand.

Danach stopfe ich alles wieder in die Plastikbeutel, schließe diese und stelle fest, dass man die Luft nicht rauskriegt und die Beutel etwa siebzigmal so voluminös sind wie die Box in die sie gehören. Also Beutel wieder aufmachen, vorsichtig Luft rausdrücken und Beutel wieder schließen. Ganz schön schwierig mit der wegen des Nieselregens beschlagenen Brille und dem Hut, der wegen des bereits beschriebenen Niederschlags (Ihr hattet wieder mit dem Wort „Nieselregen“ gerechnet, gelle?) größer geworden ist und mir auf den Ohren hängt. So, jetzt die Dose wieder unter den dritten Stein damit sich der nächste den Kopf zerbrechen kann welcher denn nun der dritte ist. Tarnen und gut is‘. Verdammt – kein Siegesfoto gemacht und keine Lust wieder alles hervorzubuddeln und so. mach‘ ich halt eins ohne die Dose.

In der Zwischenzeit ist mein eigenes Logbuch – ich hatte schon erwähnt, dass der Nieselregen wieder angefangen hatte, oder? – ziemlich feucht geworden. Aber was soll‘s, der Schatz ist gehoben, die Grenzen Überschritten, die Limits weggebrochen – alles ist möglich!

Auf zum nächsten Weg und zurück zum Auto – hatte ich das auch abgeschlossen?

1 Kommentar:

Unknown hat gesagt…

Wenn Bergstock sagt, dass niemand den Text in voller Länge liest, hat er sich geirrt. Der whs-Baer scharrt schon mit den Hufen, um seine nächste Box zu heben, der Treffpunkt ist aber erst um 9 und seit 5:00 verbringe ich meine Zeit mit -eben schönen Geschichten wie dieser.

Hat Spass gemacht sagt whs-Baer.

PS Was schreibst du erst für Romane, wenn dur die ELwetritsche-Box in der Hand hältst? Ulysses wird ein dünnes Heftchen dagegen sein.